Die Angst der Lehrenden vor dem leeren Hörsaal – Vier empirische Befunde.

Malte Persike/ März 20, 2020

Die Angst der Lehrenden vor dem leeren Hörsaal – Vier empirische Befunde.

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Für Eilige

Anwesenheitsschwund in der Präsenzveranstaltung zählt zu den größten Bedenken beim Einsatz von Videos in der Lehre – zu Unrecht. Empirische Arbeiten zeigen, dass Videos kein wesentlicher Auslöser für das Fernbleiben von Studierenden sind. Studierende lassen sich selbst durch lückenlose Hörsaalaufzeichnungen nicht in großem Ausmaß zum Schwänzen verführen. Gleichzeitig tragen die Aufzeichnungen dazu bei, lernhinderliche Effekte bei ohnehin absenten Studierenden zu mindern, indem verpasste Vorlesungen nachgearbeitet oder im Rahmen der Prüfungsvorbereitung wiederholt werden können. Die Botschaft an unsere Lehrenden lautet also: keine Sorge wegen Lernvideos!

Dieser Text basiert auf einem Buchbeitrag. Quelle: Persike M. (2019) Videos in der Lehre: Wirkungen und Nebenwirkungen. In: Niegemann H., Weinberger A. (eds) Lernen mit Bildungstechnologien. Springer Reference Psychologie. Springer, Berlin, Heidelberg.

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Dann kommt ja keiner mehr!

Der Anwesenheitsschwund in der Lehrveranstaltung zählt wohl zu den größten Sorgen beim Einsatz von Lernvideos. Dies gilt insbesondere dann, wenn Lernvideos nur eine Konserve des im Hörsaal gehaltenen Vortrags sind, anstatt wie zum Beispiel im Inverted Classroom Modell zur Umgestaltung der Präsenzveranstaltung eingesetzt zu werden.

Hörsaalaufzeichnungen sind deshalb ein zweifelhaftes Medium für viele Lehrende. Forschung zur videobasierten Digitalisierung von Hochschullehre hat sich deshalb intensiv mit der Frage des Teilnahmeschwundes beschäftigt. Die durchgeführten experimentellen Untersuchungen und Feldstudien konvergieren auf dasselbe Ergebnis: die Sorge verwaister Veranstaltungsräume ist weitgehend unbegründet.

Befund 1: Absentismus steigt nicht wesentlich an

Werden zusätzlich zu der Präsenzveranstaltung Lernvideos angeboten, die den Inhalt der Lehrveranstaltungen in identischer Weise abbilden, steigt der Absentismus bei Studierenden in einem Teil der verfügbaren Studien gar nicht (Ellis & Mathis, 1985; Bongey, Cizadlo & Kalnbach, 2006; Frydenberg, 2006; Hove & Corcoran, 2008; Von Konsky, Ivins & Gribble, 2009). Die Mehrzahl der Studien findet zwar eine Abnahme des Veranstaltungs, allerdings in recht beschränktem Ausmaß (Grabe & Christopherson, 2008; Larkin, 2010; Figlio, Rush, & Yin, 2013). Absentismus wird also durch die Verfügbarkeit von Lernvideos nicht maßgeblich verstärkt, sondern kann bei Studierenden als weitgehend normales Verhalten in jeder auf Freiwilligkeit basierenden Lehrveranstaltungsform gelten (Friedman, Rodriguez & McComb, 2001; Moore, Armstrong & Pearson, 2008).

Befund 2: Absentismus hat ganz andere Gründe als das Video

Eine Untersuchung der Harvard Medical School an allen Studierenden des ersten und zweiten Fachsemesters stellt fest, dass Studierende zwar etwa ein Drittel ihrer Präsenzveranstaltungen nicht besuchen, die Gründe für das Fernbleiben aber nicht in der Verfügbarkeit von Digital Lectures liegen. Ausschlaggebend für einen Veranstaltungsbesuch sind vielmehr ganz klassische Aspekte wie Vorerfahrungen mit dem Dozierenden, Erwartungen an den Inhalt der Veranstaltung, individuelle Lernstile und situationale Lernbedürfnisse (Billings-Gagliardi & Mazor, 2007).

Befund 3: PDF Downloads sind genauso abschreckend

Eine experimentelle Studie an der Universität Texas kommt übrigens zu dem interessanten Schluss, dass die Verfügbarkeit von klassischen Online-Ressourcen wie PowerPoint-Folien zu einer stärkeren Reduktion der Teilnahmezahlen in den zugehörigen Präsenzveranstaltungen führt als Lernvideos (Traphagan, Kucsera & Kishi, 2010).

Befund 4: Lernvideos und Hörsaalaufzeichnungen sind nützlich – und Studierende wollen sie

Lernvideos tragen überdies dazu bei, lernhinderliche Effekte bei absenten Studierenden zu mindern, u.a. indem verpasste Vorlesungen nachgearbeitet oder im Rahmen der Prüfungsvorbereitung wiederholt werden können (Cardall, Krupat & Ulrich, 2008). So verwundert es nicht, dass sich die Mehrzahl von Studierende bei der Wahl für ein bestimmtes Veranstaltungsformat für das gleichzeitige Angebot von Präsenzveranstaltung und Online-Materialien ausspricht, gefolgt von der alleinigen Präsenzveranstaltung und erst an dritter Stelle dem reinen Online-Kurs (Jensen, 2011).

Fazit: Ausprobieren!

Lehrende sollten also keine zu großen Sorgen bei der Aufzeichnung ihrer Lehrveranstaltung haben. In den meisten Fällen wird der Veranstaltungsbesuch nicht wesentlich sinken. Und wenn doch, kann die Verfügbarmachung der Aufzeichnungen jederzeit wieder zurückgenommen werden. Oder sie holen sich bei den Mitarbeitern/innen unserer Abteilung ExAcT ein paar Tipps, wie sie auf Basis der einmal aufgenommenen Lehrveranstaltung ihre Präsenzlehre mit wenig Aufwand so ergänzen können, das Studierende einen echten Mehrwert wahrnehmen, z.B. durch den Einsatz von Audience Response Systemen (Kay & LeSage, 2009).

Mehr Informationen zur Unterstützung Ihrer Lernvideoproduktion durch das CLS finden Sie auf unserer Informationsseite.

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