Videoconferencing in der Lehre – Warum wir uns für ZOOM entschieden haben

Malte Persike/ March 22, 2020

Videoconferencing in der Lehre – Warum wir uns für ZOOM entschieden haben.

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Für Eilige

Die RWTH setzt flächendeckend das Videokonferenzsystem „Zoom“ für die digitale Durchführung ihrer Lehrveranstaltungen ein. Nach unseren früheren Beiträgen über Datenschutz, Datensicherheit und den damit verbundenen Herausforderungen verändern wir hier den Blickwinkel ein wenig. Es geht diesmal nicht darum, was gegen Zoom sprechen könnte. Statt dessen möchten wir mit Euch teilen, warum für uns gerade für Zoom entschieden haben. Welche technischen, organisatorischen und didaktischen Gründe uns geleitet haben, erfahrt Ihr hier.

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Lehre sichern. Jetzt!

Am 05.03.2020 hat die RWTH Aachen beschlossen, eine Lösung für die Online-Durchführung ihrer Lehrveranstaltungen zu finden. Unser Ziel war, möglichst viele der über 2.500 Veranstaltungen des mit Riesenschritten herannahenden Sommersemesters in digitaler Form anbieten zu können.

In Abstimmung mit Expert*innen an der RWTH und ausgehend von Erfahrungen anderer Hochschulen hat die RWTH daraufhin eine Campuslizenz für das Videokonferenzsystem „Zoom“ (https://zoom.us/) erworben. Nach einer Registrierung für eine Zoom-Lizenz können unsere Lehrenden Videokonferenzen mit bis zu 300 Teilnehmer*innen und Webinare mit maximal 3.000 Personen durchführen.

In diesen Tagen erreichen uns viele Zuschriften von Lehrenden und Studierenden, die verunsichert oder gar verängstigt sind, denn die Medien sind voll mit Artikeln über Sicherheitslücken und Datenschutzproblemen mit Zoom. Was dahinter steckt und wie wir mit dieser Situation umgehen, haben wir vor einigen Tagen bereits berichtet.

Hier soll es deshalb nicht darum gehen, was gegen Zoom sprechen könnte. Statt dessen möchten wir mit Euch teilen, warum für uns gerade für Zoom entschieden haben. Schließlich gibt es noch eine ganze Reihe anderer Systeme für Videokonferenzen. Webex, Adobe Connect, BigBlueButton, GoToMeeting, BlueJeans, Microsoft Teams mit dem integrierten Skype for Business oder das Open Source Projekt Jitsi zur Installation auf dem eigenen Server sind nur einige der Angebote, die dem Videokonferenz-Veteranen unmittelbar einfallen.

Im CLS war unmittelbar klar, dass die Entscheidung für eines der Systeme wohlbegründet sein musste. Es galt, einen Katalog maßgeblicher Anforderungen zu definieren und verfügbare Angebote an diesem Katalog zu prüfen. Das CLS hat im Vorfeld der Entscheidung für Zoom solche Anforderungen spezifiziert, eine Marktrecherche durchgeführt und sich eng mit der Medieninformatik an der RWTH, abgestimmt.

Uns haben viele Anfragen sowohl aus der RWTH als auch von anderen Hochschulen erreicht, warum wir uns ausgerechnet für Zoom entschieden haben und welche Entwicklungen der vergangenen Wochen uns in dieser Entscheidung noch weiter bestärkt haben.. Wir möchten deshalb die wichtigsten unserer organisatorischen, technischen und mediendidaktischen Kriterien mit Euch teilen.

(1) Das System sollte massiv skalieren

Das System sollte eine einwandfreie Funktion besonders der Audio- und Videoübertragung mit wenigen Dutzend bis hin zu 3.000 Teilnehmenden leisten. Die empirische Wirkungsforschung legt nahe, dass besonders eine saubere Tonübertragung essentiell für die Effektivität von Videokonferenzen ist (Kies, J. K., Williges, R. C., & Rosson, M. B., 1997. Evaluating desktop video conferencing for distance learning. Computers & Education28(2), 79-91). Unser Fokus lag deshalb vor allem auf der Skalierung der Tonübertragung. Zoom hat sich in Tests hier als führend erwiesen. Insbesondere das für Hochschulen kostenfreie System DFNConnect war nach Rücksprache mit dem DFN leider für die mehr als 2.500 wöchentlichen Lehrveranstaltungen der RWTH nicht schnell genug erweiterbar.

(2) Das System sollte Webinare und Videokonferenzen ermöglichen

Bei Videokonferenzen ist eine synchrone, potentiell vollständig gleichberechtigte Kommunikation zwischen Lehrenden und Studierenden möglich. Alle Studierenden können – gegebenenfalls nach vorheriger Genehmigung – mit Webcam und Mikrofon an einer Videokonferenz teilnehmen. Dieses Format ist eher für kleinere Gruppen geeignet und bietet sich damit besonders für den Seminarkontext an. Webinare unterscheiden sich von Videokonferenzen vor allem darin, dass es bei Webinaren keinen ständigen audiovisuellen Rückkanal von den Studierenden zu den Lehrenden gibt. Die mündliche Kommunikation und die Videoübertragung gehen also überwiegend in eine Richtung, die Studierenden haben aber die Möglichkeit, sich in Form von schriftlichen Beiträgen einzubringen. Zoom bietet beide Varianten an und stellt für Webinare weitergehende Funktionen zur Verfügung, z.B. ein Werkzeug für Live-Q&A nach dem Vorbild der Plattform https://frag.jetzt/ der TH Mittelhessen.

(3) Das System sollte optimiertes Routing für Internationale Studierende bieten

Mehr als 12% der RWTH Studierenden sind Internationale Studierende. Deshalb war die qualitativ hochwertige Anbindung von Studierenden aus anderen Ländern eine wichtige Determinante für unsere Entscheidung. Nur kommerzielle System haben mit Netzbetreibern optimiertes Routing für ihre Daten vereinbart. Lokale und selbst gehostete Lösungen wie die Open Source Software Jitsi schieden damit aus.

(4) Das System sollte extern gehostet sein

Das mag zunächst überraschen, denn die RWTH wägt sehr sorgfältig die Vor- und Nachteile ab, wenn sie Software-Lösungen von kommerziellen Anbietern zukauft anstatt sie unter enger eigener Kontrolle zu halten. Für die Sicherung der Lehre in Zeiten von Corona war aber sofort klar, dass alle Abteilungen, alle zentralen Einrichtungen und alle Servicezentren durch die Corona-Krise bis an ihre Kapazitätsgrenzen – und in vielen Fällen weit darüber hinaus – beschäftigt sein würden. Der Aufbau einer Infrastruktur für Videokonferenzen, die durch Personal der RWTH aufgebaut, betreut, gewartet und im Fehlerfall repariert werden muss, war deshalb keine Option. Zudem verblieben nur wenige Wochen für das Deployment des Systems. Das machte es notwendig, alle Schritte im gesamten Prozess von den pilotierenden Tests über die Beschaffung, die Einbindung in die IT-Infrastruktur der RWTH und die Überführung in den Regelbetrieb möglichst zügig durchführen zu können. Ein eigenes Hosting wie beispielsweise mit Jitsi war nicht darstellbar.

(5) Das System sollte möglichst nutzerfreundlich zu bedienen sein

Insbesondere diesen Aspekt haben das CLS und die Medieninformatik der RWTH umfassend beleuchtet. Kein anderes System ist nach unserer Einschätzung sowohl für die Initiatoren eines Meetings wie auch die Teilnehmenden so einfach zu erlernen und so nutzerfreundlich zu bedienen wie Zoom. Ferner konnte Zoom mit einer sehr niedrigen Zahl technischer Probleme bei der Durchführung von Meetings punkten. Nicht startendes oder ausgefallendes Audio oder Video, den Abbruch von Verbindungen oder den Absturz der Software haben wir bei Zoom nur in Ausnahmefällen beobachtet.

(6) Das System sollte die gleichzeitige Anzeige aller Seminarteilnehmenden erlauben

Moderne Hochschullehre setzt mehr denn je auf Kommunikation, Kollaboration und eine konstruktive Zusammenarbeit zwischen Lehrenden und Studierenden. Besonders im Seminarsetting kommt es auf die unmittelbare Interaktion zwischen allen Teilnehmenden an. In rein virtuellen Umgebungen wie den Videokonferenzen ist es oft schwierig, diese Unmittelbarkeit herzustellen. Die Darstellung der anderen Teilnehmenden im virtuellen Konferenzraum ist klein, nicht immer von bester Qualität und mit Latenzen behaftet. Noch problematischer wird es, wenn das Videokonferenzsystem es nicht zulässt, alle Teilnehmenden gleichzeitig darzustellen. Lehrende und Studierende sollten aber nicht durch mehrere Seiten scrollen müssen, um alle Teilnehmenden sehen zu können. Eine der essentiellen Funktionen für möglichst natürlichen Austauch auch im virtuellen Raum ist für uns deshalb die gleichzeitige Sichtbarkeit aller Teilnehmenden, die ihre Webcam aktiviert haben. Zoom erlaubt die Darstellung von bis zu 49 Teilnehmenden in einem Fenster und deckt damit einen sehr weiten Bereich von Seminargrößen innerhalb der RWTH ab.

(7) Das System sollte virtuelle Hintergründe bieten

Die RWTH nimmt die Privatsphäre ihrer Studierenden sehr ernst. Es war uns deshalb wichtig, dass vor allem Studierende die Möglichkeit haben, so genannte virtuelle Hintergründe einzustellen. Zoom bietet die Möglichkeit, digitale Bilder oder sogar ganze Videos als Hintergrund auszuwählen. Über entsprechende Algorithmen entfernt Zoom dann den echten Hintergrund einer Person und ersetzt diesen durch das hochgeladene Bild oder Video. Studierende können also bei Aktivierung ihrer Webcam vermeiden, den anderen Teilnehmenden unerwünschte Einblicke in ihre privaten Räume zu gewähren. Natürlich führt dies bei manchen Studierenden zu Missbrauch, allerdings können solche Personen schnell identifiziert und dauerhaft aus dem Meeting entfernt werden. Auch ist die Benutzung virtueller Hintergründe in Zoom für unsere Lehrenden schnell erkennbar, so dass z.B. im Fall von Online-Prüfungen zielsicher geprüft werden kann, ob der virtuelle Hintergrund nicht dazu dient, die Anwesenheit einer anderen Person im Raum zu überdecken. Die Entwickler anderer Videokonferenzsysteme wie z.B. Microsoft Teams beginnen gerade erst, vergleichbare Funktionen auszurollen (https://www.heise.de/newsticker/meldung/Microsoft-Teams-Eigene-Hintergruende-beim-Videochat-4703125.html).

(8) Das System sollte Kleingruppenarbeit möglichst effektiv machen.

Die Arbeit in Kleingruppen ist eine der bewährtesten und effektiven Lehr-/Lernmethoden (Johnson, D. W., Johnson, R. T., & Stanne, M. B. (2000). Cooperative learning methods: A meta-analysis). Ein Videokonferenzsystem sollte deshalb eine möglichst natürliche Durchführung von Kleingruppenarbeit ermöglichen. Dies umfasst Aspekte wie die vorbereitete oder ad-hoc stattfindende Aufteilung einer größeren Meeting-Gruppe in kleinere virtuelle Räume, die komfortable Möglichkeit für die Lehrenden, zwischen diesen Räumen zu springen und vor allem das einfache Rufen um Hilfe, wenn Studierende in den Kleingruppen Unterstützung benötigen. Zoom bietet all diese Funktionen in einem ausgereiften und vollständig integrierten System an. Insbesondere die Möglichkeit für Kleingruppen, den Lehrenden um Hilfe zu bitten, ist hocheffektiv gelöst.

(9) Das System soll eine Kontrolle über genutzte Data Center ermöglichen

Im Sinne des Datenschutzes und der Datensicherheit ist die Kontrolle über den Fluss Daten und die Verarbeitung von Daten essentiell. Wir erwarten von einem Videokonferenz-System die Möglichkeit, bestimmte geographische Regionen von Data Centern ein- oder auszuschließen. Zoom bietet mit dem Update vom 18.04.2020 die Option, die Nutzung von Data Centern in gewünschten Regionen an- und in unerwünschten Regionen abzuwählen. Dies bedeutet nicht, dass Studierende in abgewählten Regionen von der Teilnahme ausgeschlossen sind. Sie profitieren lediglich nicht von der Optimierung der Datenverarbeitung in regional nahe gelegenen Data Centern.

(10) Das System sollte starke Verschlüsselung für Meeting-Daten bieten

Die im Rahmen der Online-Lehre übertragenen Daten sollen vor unbefugtem Zugriff möglichst gut geschützt sein. Wir wünschen uns deshalb eine starke Verschlüsselung mit etablierten Verschlüsselungsmethoden für möglichst viele der im Rahmen eines Online-Meetings entstehenden Daten. Zum Zeitpunkt der Beschaffung waren die Aussagen verschiedener Anbieter entweder noch Zukunftsmusik oder technisch unzulänglich implementiert. Für uns kamen trotzdem nur diejenigen Anbieter mit den stärksten Funktionsankündigungen und einer nachvollziehbaren Roadmap infrage. Seit kurzem nun bietet Zoom als einer der ersten Videokonferenz-Anbieter eine AES 256-Bit-GCM Verschlüsselung für Meetingdaten hours.

Unser Fazit

In der Summe war und ist Zoom für uns das beste Gesamtpaket. Es spricht sehr vieles für und nur wenig gegen Zoom.

Wenn Ihr mehr über den Umgang mit Zoom erfahren möchtet, schaut gerne in unsere Zoom Handreichung für Lehrende, die mit wenigen Klicks in die Bedienung von Zoom einführt. Mit dem letzten Update haben wir sie erstmalig unter CC-Lizenz veröffentlicht und mit vielen Hinweisen zu Privatsphäre, Recht & Datenschutz angereichert.

Das und viele weitere Informationen rund um die Digitalisierung der Lehre in Zeiten von Corona findet Ihr auf unserer Infopage: https://video.cls.rwth-aachen.de/

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